16.06.2025

 

 

 

Masochistische Momente im Leben eines Radwanderers

Gronsdorf-München-Ulm-Friedrichshafen-Lindau-Bregenz-St. Margrethen-Landquart-St. Moritz-Maloja

 

Abfahrt zur S-Bahn zuhause um Mitternacht, Ankunft in „Maloja Posta“ um 12:15 - 9 mal Umsteigen und es hat alles geklappt mit Fahrrad und Gepäck! Bahnreisen ist viel einfacher als die Leute immer meinen. Allerdings warum mit einer so unattraktiven Verbindung? Nun ja, als endlich klar war, dass es jetzt wirklich losgehen kann, gab es in den Eurocity-Zügen keine Fahrradstellplätze mehr (für Fahrräder gibt es in den Fernzügen aber eine Reservierungspflicht) - aber im ICE München-Ulm (Abfahrt 3:31) waren verblüffenderweise noch drei von acht Plätzen frei. Immerhin wird einem der Schmerz im Nacken nach einer solchen durchgereisten Nacht durch etwas weniger Schmerzen im Geldbeutel ein bisschen ausgeglichen. 

Apropos jetzt geht die Post ab: die letzte Etappe geht mit dem Schweizer Postbus (das Fahrrad außen an der Rückwand hochkant eingehängt) und mein Quartier in Maloja ist das Hotel Pöstli, wo ich auch gleich trotz der sehr frühen Anreise schon mein Zimmer bekomme. Der Skiraum dient im Sommer als Fahrradraum - sehr sinnvolle Entscheidung. Das war‘s dann aber auch schon mit der Post - am Nachmittag hole ich den fehlenden Schlaf der Nacht nach…

Kurz vor Ladenschluss springe ich noch schnell in die kleine Latteria hinein - kein Tante-Emma-Laden, sondern ein Onkel-Ueli-Laden (oder so), im Preisniveau dem Landesimage, der Mondänität des Oberengadins, der Monopolsituation im Ort und zudem auch noch der Höhenlage direkt neben dem Malojapass (1.815 m) jeweils geringfügig überangepasst - aber ein bisschen Wasser und Proviant für morgen müssen halt sein (und dank des günstigen Zugtickets noch kein Problem). Gut erzogen, wie ich bin, grüße ich beim Eintreten, der Inhaber mit dem Rücken zu mir bemerkt mich leicht verspätet und ächzt bei der etwas ruckartigen Bewegung leicht. Der guten Erziehung geschuldet, wünsche ich nochmals einen guten Aabig, was mit dem gleichen Ächzlaut beantwortet wird und wohl so etwas wie „Einen wunderschönen guten Abend, welche Freude, Sie in meinem bescheidenen Convenience Store begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie fühlen sich sehr wohl, finden alles, was das Herz begehrt und zögern nicht, sich vertrauensvoll an mich zu wenden, wenn Sie etwas nicht gleich finden sollten.“ - halt nur in kurz - bedeutet. In den verbliebenen Minuten der Öffnungszeit lässt sich das Sortiment problemlos erfassen, die Auswahl fällt dennoch nicht ganz leicht, wird aber von der subtil zur Eile drängenden Art des Inhabers effektiv unterstützt - ein Gefühl von Ephraim Kishon mit der besten aller Ehefrauen im Zürcher Restaurant nach dem Opernbesuch kommt auf - und es endet auch fast genauso: um 17:55 stehe ich wieder auf der Straße (um 17:45 hatte ich mein Hotelzimmer verlassen…). Ich hatte erwartet der Schlüssel würde sich beimSchließen der Tür hinter mir schon im Schloss drehen - immerhin das bleibt mir erspart…

Das genaue Gegenteil wenig später im Restaurant meines Hotels, ein sehr nettes Gespräch mit einem ebenfalls viel wandernden und radfahrenden Schweizer Ehepaar am Nachbartisch verläuft zusehends amüsant und unterhaltsam. Wie angenehm!